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Vor 100 Jahren: Berner Vorkonferenz der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (IASP)

07/12/2020

Vom 5. bis 7. Dezember 1920 trafen sich im Volkshaus Bern Vertreter der Sozialistischen Partei Frankreichs (PS-SFIO), der Independent Labour Party (ILP) aus Grossbritannien, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ), der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP), der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR, Menschewiki) und der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS). Die Socialist Party of America (SPA) war nicht mit einem offiziellen Delegierten, sondern mit einem Beobachter vertreten. Zur Konferenz eingeladen hatten die SPS, die USPD und die ILP.

Die Teilnehmer der Vorkonferenz auf der Terasse des Volkshauses Bern, anfangs Dezember 1920 (Aufnahme von Jacques Zehnder).

Stehend (von links nach rechts): Emanuel Shinwell (1884-1986) ILP, Joseph Gollomb (1881-1950) SPA (Beobachter), Karl Čermak (1881-1924) DSAP; Charles Roden Buxton (1875-1942) ILP (Übersetzer), Kurt Rosenfeld (1877-1943) USPD, August Huggler (1877-1944) SPS, Robert Grimm (1881-1958) SPS, Friedrich Adler (1879-1960) SDAPÖ, Julius Martow (1873-1923) SDAPR, Ernest Paul Graber (1875-1956) SPS, Otto Bauer (1881-1938) SDAPÖ.
Sitzend (v.l.n.r): Francis Johnson (1878-1970) ILP, Richard Collingham Wallhead (1869-1934) ILP, Rudolf Hilferding (1878-1941) USPD, Ernst Reinhard (1889-1947) SPS, Georg Ledebour (1850-1947) USPD, Jean Longuet (1876-1938) PS-SFIO, Arthur Crispien (1875-1946) USPD, Paul Faure (1878-1960) PS-SFIO.

Die Berner Vorkonferenz verabschiedete den Aufruf «An die sozialistischen Parteien aller Länder» (deutsch, français, english). Darin plädierten die Konferenzteilnehmer dafür, die Spaltung der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung zu überwinden. Weder die Reste der durch den Ersten Weltkrieg auseinandergerissenen Zweiten Internationale, noch die 1919 in Moskau gegründete Kommunistische Internationale seien in der Lage den Zusammenschluss des «Weltproletariats» zu einer «machtvollen internationalen Organisation» zu ermöglichen:

«Die Arbeiterklasse kann (…) ihre Aktionsmittel weder auf die bisherigen Methoden des rein gewerkschaftlichen und politisch-parlamentarischen Kampfes beschränken, noch die Methoden der in akuten revolutionären Kämpfen stehendene Arbeiter- und Bauernmassen auf andere Länder schablonenhaft übertragen.»

Die Vorkonferenz beschloss, alle sozialistische Parteien, die diese Grundsätze teilten, für den 22. Februar 1921 zu einer internationalen Konferenz nach Wien einzuladen. Dort wurde die «Internationale Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (IASP)» schliesslich offiziell gegründet.

Die IASP wird gelegentlich als «Zweieinhalbte Internationale» – ursprünglich ein Spottname der Kommunisten – oder als «Wiener Internationale» bezeichnet. Tatsächlich erhob die IASP aber nie den Anspruch, selbst eine neue Internationale darzustellen. Vielmehr wollte sie durch gemeinsame Aktionen der ganzen Arbeiterbewegung die Spaltung überwinden. Nur auf diesem Weg könne es schliesslich zur «Bildung einer wirklichen Internationale des klassenbewussten Proletariats» kommen.

Doch die Bemühungen der IASP um eine Wiedervereinigung der internationalen Arbeiterbewegung – ihr Höhepunkt war eine gemeinsame Konferenz der drei Exekutivkomitees der Komintern, der 2. Internationale und der IASP in Berlin im April 1922 – scheiterten schliesslich. Vor allem eine Verständigung mit der Komintern, die sich immer klarer als ein Instrument der sowjetischen Aussenpolitik erwies, war zunehmend unrealistisch. Auf einem im Mai 1923 in Hamburg abgehaltenen internationalen sozialistischen Kongress schlossen sich die IASP und die Reste der 2. Internationale zur Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) zusammen.

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